Die Mönche von St. Salomé und die Bienenkörbe

OLYMPUS DIGITAL CAMERAIn der Abtei von St. Salome besaß das Fest des Heiligen Josef eine besondere Bedeutung. An diesem Tag kamen die Mönche im Konventssaal zusammen, um über ihre Arbeit Rechenschaft abzulegen und die Aufgaben neu zu verteilt. Der weise Abt beauftragte dann etwa den einen Mönch damit, im kommenden Jahr die Mauern auszubessern. Einem anderen vertraute er die Sakristei an, wieder ein anderer hatte sich um die Küche zu kümmern.

So ging in einem Jahr auch der Bruder, der die sieben Bienenkörbe draußen vor den Klostermauern versorgen sollte, an seine Arbeit. Alles fügte sich in diesem Jahr wunderbar: Der milde Winter hatte den Bienen kaum zu schaffen gemacht, Blumen und Bäume standen bald in voller Blüte und kein Schaden drohte den Bienenkörben. Der glückliche Mönch musste gar nicht viel tun, und doch gediehen die Bienen so, dass er gegen Ende des Sommers einen neuen Bienenstock errichten konnte. Als nun wiederum das Fest des Heiligen Josef gefeiert wurde, gab der Mönch zufrieden seine Aufgabe zurück und verwies stolz auf die reiche Honig- und Wachsernte. Der Abt dankte ihm und übertrug die Pflege der Bienenkörbe einem anderen Mönch.

Der jedoch hatte von Anfang an kein Glück: Der Winter war lang und hart gewesen, so dass die Bienen kurz vor dem Verhungern standen. Mit noch so viel sorgfältig angerührtem Sirup schaffte er es nicht, alle Bienenstöcke zu erhalten. Die geschwächten Bienen aber waren sehr anfällig für Schädlinge. Trotz aller Mühe, mit der der Mönch die befallenen Bienenstöcke säuberte, verlor er wiederum zwei von ihnen. Schließlich plünderte auch noch ein hungriger Bär die Honigwaben und zerstörte einen weiteren Bienenkorb, bevor der verzweifelte Bruder ihn unter Einsatz seines Lebens verjagen konnte.

Am Ende des Jahres blieben ihm nur noch drei Bienenkörbe, und die gewonnenen Mengen an Wachs und Honig waren kaum der Rede wert. Niedergeschlagen schlich er in den Konventssaal, wo seine Mitbrüder ihn kaum ansehen mochten. Nur von seinem Vorgänger im Amt des Imkers erntete er einen mitleidigen Blick. Doch als die Reihe an ihn kam, winkte der Abt ihn freundlich heran, legte ihm anerkennend die Hand auf die Schulter und dankte ihm von ganzem Herzen für seinen Dienst.

»Aber ich habe doch kaum Honig und Wachs gewonnen«, wagte der Bruder einzuwenden, »und sogar noch fünf unserer Bienenkörbe verloren.«

»Mag sein«, entgegnete der Abt, »Aber du hast gegen Schnee und Kälte gekämpft, gegen Schädlinge und sogar gegen einen Bären. Nur deshalb haben wir überhaupt noch drei Bienenstöcke.«

Ein zustimmendes Murmeln ging durch die Schar der versammelten Mönche.

»Es wird auch einmal wieder ein gutes Jahr kommen«, erklärte der Abt und ergänzte mit einem Seitenblick auf den Bruder, der im Vorjahr die Bienen versorgt hatte, »Ein gutes Jahr, in dem ein tüchtiger Imker leicht zwei oder drei Bienenkörbe hinzugewinnen kann.«

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