Die Mönche von St. Salomé und der strenge Pilger

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Es gab einmal eine Zeit, als das Kloster St. Salomé ziemlich heruntergekommen war. Kaum ein Mönch ging noch regelmäßig zum Stundengebet und zur Arbeit. Stattdessen bedienten einige sich großzügig selbst aus den Wein- und Biervorräten, andere spielten Würfel oder gingen zu den Dirnen im Dorf und bezahlten sie aus dem Vermögen der Abtei. Derweil tratschte einer über den anderen, man schimpfte aufeinander und jeder sagte sich, dass er es ja wenigstens nicht so schlimm treibe wie der Rest.

Da kam eines Tages ein Pilger in die Gegend und bat im Kloster um Quartier, ein kräftiger Geselle mit dichtem Bart und festem Blick. Rasch erfasste er die schlimme Lage, und das umso leichter, als ein Bruder nach dem andern dem Gast mit leiser Genugtuung die Verfehlungen der anderen klagte. Am nächsten Tag sprach der Wallfahrer vor der Versammlung im großen Kapitelsaal und bedankte sich für die gastfreundliche Aufnahme. Dann fuhr er in aller Offenheit fort, dass ihm der bedauerliche Zustand der allgemeinen Ordnung nicht entgangen sei und bot den Brüdern seine Hilfe an. »Zwar bin ich kein großer Lehrer oder Hirte oder dergleichen«, sagte er, »doch eines kann ich doch für euch tun. Wenn ihr einverstanden seid und der Abt mir die Vollmacht dazu gibt, so werde ich nach bestem Wissen und Gewissen den letzten und schlechtesten Mönch des ganzen Klosters herausfinden und ihn am nächsten Mittag zum Glockenschlag vor die Tür setzen. Nur diesen – nicht mehr, und nicht weniger.«

Die Mönche besprachen den Vorschlag und waren bald einverstanden, zumal ja keiner sich selbst für den Schlechtesten hielt, und wer das doch zumindest für möglich hielt, wagte gerade darum keinen Einwand. So gab endlich auch der Abt seinen Segen dazu, und schon besserten sich die Sitten ein wenig, da keiner die Aufmerksamkeit des Besuchers auf sich lenken wollte.

Pünktlich zur Sext am andern Tag machte der Pilger sein Versprechen wahr. Einen Bruder, der die gestrige Versammlung betrunken in der Scheune verschlafen hatte und der auch sonst zu wenig gut galt, zerrte er am Kragen vor das Tor und jagte ihn mit Tritten und Flüchen davon. Erleichtert spendeten die anderen Beifall und dankten ihm herzlich, wobei mancher im Stillen dachte, dass er durchaus noch den einen oder anderen wüsste, der dasselbe Schicksal verdient habe.

Wie Groß war da die Überraschung, am nächsten Tag pünktlich zum Mittagsleuten das Spektakel von neuem los ging. Einen Mönch, der die Nacht mit der Stallmagd verbracht hatte, warf der Pilger grob zum Tor hinaus und drohte ihm, sich ja nie wieder blicken zu lassen. Als die übrigen Brüder fragten, was das zu bedeuten habe, erklärte der Pilger ruhig: »Hatte ich nicht versprochen, den Letzten und Schlechtesten von euch hinauszuwerfen? Und war der, den ich gerade zum Teufel gejagt habe, etwa nicht der Letzte und Schlechteste von euch?« Da wollte ihm dann doch keiner wieder sprechen, und jeder ging wieder an sein Tagewerk, der eine fröhlich, der andere nachdenklich gestimmt, alle aber wesentlich emsiger als seit langem.

Erst als der grimmige Wallfahrer am folgenden Tag wieder einen Bruder mit beherzten Prügeln vom Hof jagte, kamen auch die letzten darauf: Würde es nicht immer einen unter den Mönchen geben, der als der Letzte und Schlechteste galt? Käme die Reihe nicht früher oder später an jeden, mit Schimpf und Schande davongejagt zu werden? Da ergriff die Angst den ganzen Konvent, und nach der Komplet mochte keiner allein auf seine Zelle gehen. Als hätten sie es verabredet, verharrten die Brüder die Nacht über und den ganzen Morgen gemeinsam in der Kapelle.

Unerbittlich kam zur Mittagsstunde wieder der düstere Pilger und fasste den alten Bruder Pförtner ins Auge, der schon am längsten nicht mehr auf dem Posten war. Doch da scharten sich die übrigen ängstlich um ihren Mitbruder und flehten den Pilger an, es gut sein zu lassen und ihren lieben Bruder ja dazulassen; er sei ein ganz braver Mönch und alles andere verzeihe man ihm gern. Lange sah der Wallfahrer die Schar an, bevor er sagte: »Hättet ihr nicht gleich so handeln können und den Schwächeren helfen, statt sie zu schmähen? Einander wertschätzen und nicht verachten? Meine Hilfe hättet ihr dann bestimmt nie gebraucht.« Dann verabschiedete er sich lächelnd. Die Mönche aber eilten zu ihren verbannten Brüdern vor den Mauern und baten sie in aller Demut, ob sie dem Konvent nicht wieder beitreten wollten.

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