Die Mönche von St. Salomé und die Goldmünze

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Einmal sprach eine junge Reisende in der Abtei von St. Salomé vor. Ihr Haar war wild gelockt, ihre Wangen glatt und ihre Haltung voll jugendlicher Kraft. Dem Abt trug sie ihr Anliegen vor: »Ich möchte der Abtei gerne eine Spende machen. Aber alles, was ich habe, ist diese alte Goldmünze. Ich weiß gar nicht, wie sie in meinen Besitz kam, und dazu ist sie noch von irgendeiner fremden Prägung.«

Der Abt musterte die junge Frau wohlwollend und sagte: »Gott schaut mit Wohlgefallen auf jede noch so kleine Gabe, auch wenn sie für uns nicht viel bedeutet. Doch wenn du möchtest, habe ich einen Vorschlag für dich, wie du der Abtei ein weit größeres Geschenk machen kannst. In der Klosterbibliothek liegt eine alte Schatzkarte. Sie weist den Weg zu einem enormen Vermögen. Aber das Versteck liegt weit entfernt und der Weg ist lang und gefährlich. Willst du für uns diesen Schatz heben?«

Die Reisende stimmte freudig zu. Am nächsten Tag tauschte sie ihr Goldstück gegen Ausrüstung und Proviant und zog los. Der Schatzkarte folgend, durchquerte sie tiefe Wälder und reißende Flüsse bis sie endlich in einer Höhle hoch im Gebirge das Schatzversteck fand: Riesige Mengen an Goldmünzen, dazu edelsteinbesetzte Pokale und mehr Geschmeide und Kleinodien als sie tragen konnte. Glücklich füllte sie sich die Taschen bis zum Rand und trat die Heimreise an.

Im ersten Städtchen, durch das sie kam, kaufte sie sich feine neue Kleider und ein edles Reitpferd, um ihre Rückkehr zu beschleunigen. Tage später erreichte sie einen Fluss, den sie zuvor unter großen Gefahren durchschwommen hatte. Mit Pferd und Schätzen jedoch würde sie es nicht auf die andere Seite schaffen. Endlich fand sie einen Fährmann und bot ihm das Pferd für eine Überfahrt. Da der Fährmann aber sah, wie reich die Reisende war, verlangte er außerdem einen Teil der Edelsteine, und sie hatte keine Wahl, als sie ihm zu geben.

Eine Weile später gelangte die Reisende zu den dunklen Wäldern. Als sie noch arm gewesen war, hatte sie sich nicht sorgen müssen um die vielen Räuber, die dort ihr Unwesen trieben. Nun aber musste sie Waffen kaufen und Söldner anwerben, um sicher hindurch zu gelangen. Und tatsächlich musste sie auf dem Weg immer wieder Kämpfe bestehen und kam einmal nur knapp mit dem Leben davon.

Als sie endlich wieder die Tore der Abtei durchschritt, waren ihre Kleider zerrissen und ihre Waffen schartig, ihr Haar schütter, ihr Gesicht vernarbt und ihr Gang gebeugt. Der Abt empfing sie voll Freude, umarmte sie und fragte, wie es ihr ergangen sei. Da erzählte die Reisende alles, was sie erlebt hatte. Am Ende seufzte sie schwer, streckte die Hand aus und gestand: »Diese eine Goldmünze allein habe ich noch übrig. Ich kann euch kein Bisschen mehr bieten als vor meiner Reise.«

Der Abt nickte ernst und erwiderte: »Gott schaut mit Wohlgefallen auf jede noch so kleine Gabe. Und diese Münze ist eine der wertvollsten, die wir je empfangen haben.«

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