Im Scheinwerferlicht

spotlight

Tom McCarthy hätte es sich einfach machen können mit einem Schema-F-Drama über heldenhafte Journalisten und intrigante Kirchenmänner. Scott Templeton, der übereifrige Schreiberling, den McCarthy selbst 2008 in der Serie „The Wire“ spielte, hätte bestimmt nicht gezögert. „Spotlight“ (2015) dagegen mutet sich und dem Zuschauer eine Differenziertheit zu, die jedem Erfolgsrezept Hollywoods zuwider läuft.

Statt idealistische Kämpfer für Wahrheit und Gerechtigkeit erleben wir selbstzufriedene Provinzredakteure, die lieber über Baumängel an öffentlichen Gebäuden berichten, als an ihrer eigenen heilen Welt zu zweifeln, die traumatisierte Opfer als paranoide Spinner abtun und sich selber über Kritik erhaben fühlen, die Angst vor Auflageneinbrüchen haben und für die nächste noch heißere Story (9/11) sofort alles stehen und liegen lassen. Erst nach und nach begreifen die Mitarbeiter der Spotlight-Redaktion wirklich, welche schreckliche Lebenswirklichkeit hinter ihrer Story steht, und entwickeln Empathie für die Menschen, die Jahre lang die Last dieses Geheimnisses getragen haben.

Statt knallharte Ermittler-Action in 24 rasant geschnittenen Stunden vom ersten Hinweis bis zum großen Knall führt uns Spotlight Monate und nochmals Monate professioneller Recherche vor Augen: Archivarbeit, Interviews, Rechtsmittel, Fachstudium und Netzwerkerei. Ganz ohne dramatische Rückschläge gibt es immer wieder retardierende Momente, bis dann endlich doch in klassischer Einstellung die entscheidende Zeitungsausgabe von der Druckerrolle läuft.

Auch die Gegenseite, Kardinal Law (Len Cariou) und das katholische Erzbistum Boston, wird nicht als schurkische Opposition in Szene gesetzt. Die heftige Gegenreaktion der Kirche, von den Protagonisten mehrfach menetekelt, bleibt ein substanzloses Schreckgespenst. In den wenigen Szenen, in denen überhaupt Geistliche auftreten, wirken sie distanziert, wie in einer eigenen Welt gefangen. Dazu passt die Direktive des neuen Herausgebers Marty Baron (Liev Schreiber): Wir nehmen uns das System vor, nicht einzelne Schuldige. Das System Kirche? Auch hier geht „Spotlight“ den langen Weg und zeigt, wie viele Menschen und Institutionen wirklich versagen, wegschauen und schweigen mussten, damit eine menschliche Katastrophe vom Ausmaß des kirchlichen Missbrauchsskandals möglich wird.

Im berührendsten Moment des Films gesteht schließlich Chefredakteuer Walter Robinson (Michael Keaton) vor versammelter Mannschaft seine eigenen Versäumnisse. Aber selbst in diesen finalen Momenten spart der Film sich jegliches Pathos. Das Wort „Wahrheit“ fällt in den 128 Minuten des Films kein einziges Mal.

Spotlight, USA 2015
Originaltitel: Spotlight

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