Die Mönche von St. Salomé und der unbezwingbare Berg

Viele Berge rund um die Abtei St. Salomé trugen Gipfelkreuze, die fromme Wanderer dort aufgestellt hatten. Einen besonders hohen Berg aber hatte noch nie ein Mensch bestiegen, und folglich gab es auf seiner Spitze auch kein Kreuz. Der Abt lobte daher schließlich eine besondere Belohnung für denjenigen aus, der zur Ehre Gottes und zur Ermutigung der Menschen ein solches Kreuz dort anbringen würde. Doch lange nahm niemand die Herausforderung an, denn der Hang des Berges war steil und seine Spitze das ganze Jahr von Schnee bedeckt.

Eines Tages aber fasste eine junge Magd aus dem Dorf sich ein Herz und beschloss, als erste den gefährlichen Aufstieg zu wagen. Es fehlte nicht an Warnungen, das Unternehmen sei viel zu gefährlich für sie, doch die Magd ließ sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen. Drei Tage später kehrte sie am Ende ihrer Kräfte zurück ins Dorf. Sie hatte zwar einen halbwegs gangbaren Pfad gefunden, doch da sie nicht mehr als eine einfache Ausrüstung und schlichten Proviant besaß, hatte sie nur etwas über die Hälfte des Weges geschafft, bevor Hunger, Kälte und Erschöpfung sie zum Umkehren zwangen. Nur mit größter Mühe hatte sie es überhaupt zurück ins Tal geschafft.

So schien es eine Weile, als sei der Berg unbezwingbar. Zwei Schäfer aus der Gegend sagten sich jedoch: Wenn schon eine junge Magd halb diesen Berg hinauf gelangt, dann ist es für zwei kräftige Kerle womöglich auch ganz zu schaffen! Und sie trafen eine Woche lang ihre Vorbereitungen, ließen sich vom Schmied Werkzeug anfertigen und vom Schneider warme Umhänge, baten den Schuster um besonders feste Stiefel und den Cellerar des Klosters um einen Vorrat der nahrhaftesten und haltbarsten Speisen, die er habe. Als sie nach sieben Tagen endlich blaugefroren und zerschürft zurückkehrten, mussten auch sie ihre Niederlage einräumen; bis zur Waldgrenze hatten sie es geschafft und dort ein Kreuz angefertigt, doch das letzte Stück bis zum Gipfel war zu schwer gewesen.

Wieder verging einige Zeit, bis schließlich der Meister der klösterlichen Bauhütte beschloss, den Berg zusammen mit seiner Mannschaft von Bauleuten zu bezwingen. Ein Jahr lang studierte er Jahreszeiten und Wetter, um den günstigsten Moment für einen Aufstieg zu ermitteln, kaufte aus den Städten ringsum die beste Ausrüstung ein und gab jedem seiner Leute eine besondere Aufgabe: Der stärkste sollte einen Großteil der Vorräte tragen, der mit den schärfsten Sinnen den Weg erkunden, ein besonders geschickter Kletterer an den steilen Hängen vorangehen und so weiter.

Zwei Wochen, nachdem die Bauleute endlich aufgebrochen waren, sah man im Tal an einem klaren Morgen ein großes Kreuz auf der Spitze des Berges stehen, und der Jubel war groß. Als der Baumeister und seiner Begleiter zurückkehrten, war freilich die Frage, wer den versprochenen Preis erhalten sollte, denn jeder hatte etwas Wichtiges zum Erfolg beigetragen. Auch die beiden Schäfer kamen in Betracht, denn schließlich war es ihr Holzkreuz, das nun auf dem Gipfel stand. Doch nach einer Weile der Beratung erklärte der Baumeister dem Abt: Am allermeisten gehört die Auszeichnung dem jungen Mädchen, das vor Jahren als erstes losging, um den Berg zu besteigen. Denn ohne sie säßen wir heute noch im Tal und würden für unmöglich halten, was wir schließlich geschafft haben!

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