Die Mönche von St. Salomé und die Bauleute

Einmal erreichte ein reisender Philosoph aus einem weit entfernten Land die Abtei St. Salomé. Er hatte seine Heimat verlassen, um in aller Welt die Sitten und Gebräuche fremder Länder und Völker zu studieren. So gewährte man ihm gerne, sich eine Weile lang im Kloster aufzuhalten. Besonders bewunderte der Philosoph die große Stiftskirche, an der seit Jahrhunderten langsam aber beständig gebaut wurde. Denn in seiner Heimat waren den Menschen zwar hoch gelehrt, machten sich aber nicht viel aus großen Bauten und lebten lieber in Hütten und Zelten.

Gerade waren die Bauleute voll Freude und Ausdauer dabei, einen schlanken Mittelturm zu errichten, der das bisherige Dach um viele Schritt überragen sollte. Da erkundigte sich der Fremde neugierig bei einem von ihnen: »Das ist sicher eine sehr dringende und notwendige Aufgabe, die ihr da gemeinsam erfüllt, mein Herr, so munter und eifrig wie hier alle bei der Arbeit sind. Warum braucht denn der Tempel so dringend diesen Turm?«

»Nun ja, unabdingbar ist so ein Turm eigentlich nicht«, antwortete der Baumeister, »Aber es geschieht eben zur höheren Ehre Gottes.«

Das sah der Philosoph freilich ein, wollte aber doch wissen: »Und wie groß muss der Tempel werden, damit er der Ehre eures Gottes genüge tut?«

Da dem Baumeister eine solche Überlegung dann doch zu verstiegen erschien, sagt er bloß freundlich: »Seit bald vierhundert Jahren wird die Kirche beständig erweitert, und ich selbst arbeite seit über zwanzig Jahren daran. Ich denke, es wird noch eine ganze Weile so weiter gehen.«

Tief beeindruckt wagte der Gast noch eine letzte Frage: »Dann tragt ihr, mein Herr, gewiss eine große Verantwortung dafür, dass dieser Bau wächst, und habt wohl manche seiner Teile ganz unnachahmlich gestaltet?«

»Aber nein«, erwiderte der Baumeister bescheiden, »Wo so viele fleißige Leute mithelfen, da kommt es auf einen einzelnen gar nicht so sehr an. Im übrigen steht auch der Bauplan schon seit langer Zeit weitgehend fest.«

Nach einigen Tagen verließ der Reisende schließlich die Abtei mit ihren fröhlichen Bauleuten und wandte sich neuen Ländern zu. Als er jedoch Jahre später auf dem Rückweg in seine Heimat wieder in St. Salomé vorbeikam, hatte sich Vieles verändert. Dem Kloster ging es schlecht. Man konnte nur noch geringe Mittel für den Kirchbau erübrigen, und so waren der Bauhütte auch nur noch wenige Arbeiter geblieben. Der stolze Turm hatte zur großen Enttäuschung aller wieder abgetragen werden müssen, da er nicht stabil war. Eine kaum mehr gebrauchte Pilgerkapelle rissen die Bauleute gerade ab, weil ihre Renovierung nicht mehr lohnte.

Auch dieses Mal blieb der Philosoph einige Tage lang und beobachtete das Geschehen. Endlich fragte er einen der wenigen verbliebenen Bauleute: »Verstehe ich recht, dass der jetzige Rückbau, so wie vorher der Aufbau, zur Ehre Gottes geschieht?«

Der Baumeister meinte erst, der Fremde mache sich über ihn lustig, erwiderte dann aber ernst: »Ach nein, lieber Gast. Allein die Notwendigkeit zwingt uns dazu. Wenn wir die Kirche nicht kleiner machen, können wir sie unmöglich instand halten, und dann würde bald alles zusammenbrechen.«

»Ihr wirkt aber so traurig dabei, mein Herr«, merkte der Fremde an, »Warum überlasst ihr es denn nicht anderen?«

»Wem den?« fragte der Baumeister, »Es ist ja kaum noch einer hier! Wenn nun auch ich noch wegginge, dann wäre wirklich bald alles verloren.«

Das verstand der Gast wohl und erkundigte sich zuletzt: »Und wie wird es dann weitergehen mit eurer Kirche?«

»Das wird euch keiner sagen können«, sagte der Baumeister, »Vierhundert Jahre haben wir diese Kirche aufgebaut, nun bauen wir sie zum ersten mal ab, und dafür gibt es keinen Plan.«

Der Philosoph bedankte sich, und ein paar Tage später zog er weiter. Als er nach langen Jahren der Reise endlich wieder in seiner Heimat angekommen war, fragten ihn seine Landsleute neugierig nach seinen Erlebnissen. Neben vielen anderen Dingen erzählte er auch von den Bauleuten der Abtei St. Salomé: »Hört, was für seltsame Menschen ich in jener Gegend getroffen habe. Sie sind tief traurig, wenn ihre Arbeit einem notwendigen Zweck dient, aber hoch erfreut, wenn sie etwas Überflüssiges tun. Es bedrückt sie, unverzichtbar zu sein, und es macht sie froh, sich entbehrlich zu fühlen. Abwechslung und Neues macht ihnen nur Sorge, dafür lieben sie es, Jahrhunderte lang immer das gleiche zu tun.«

Die Freunde und Nachbarn lauschten gebannt der Erzählung des Weltreisenden, doch mehr als einer fragte sich im Stillen: Ob es solche Menschen wirklich gibt? Bestimmt hat er das alles bloß erfunden.

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