Die Mönche von St. Salomé und der weise Abt

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In einer Zeit der Blüte hatte die Abtei St. Salomé einen Abt, der weit und breit bekannt war für seine große Begabung als geistliches Oberhaupt. Immer wieder kamen Pilger von weither, um seinen Rat zu suchen und seinen Segen zu erhalten. So kam auch einmal, halb neugierig, halb zweifelnd, der Prior eines anderen Klosters, der vom Ruhm des Abtes gehört hatte. Um zu sehen, was denn wirklich daran sei an dem vielen Lob, wanderte er als einfacher Wallfahrer nach St. Salomé und bat um Einlass und Unterkunft für die Nacht. Beides wurde ihm gerne gewährt.

Um nun sein Anliegen nicht gleich zu verraten, bat er den Bruder Pförtner: »Ich suche Rat in einer schwierigen Sache und würde dazu gerne den ausdauerndsten und unerschütterlichsten Mönch dieser Abtei sprechen. Der Pförtner stimmte zu und führte ihn in die Schmiede, wo gerade ein Mönch mit viel Geduld eine Pflugschar gerade hämmerte. Da er jedoch offenbar nicht der Abt war, sagte der Besucher rasch: »Verzeihung, ich habe mich geirrt. Ich meinte, denjenigen sprechen zu wollen, der am eifrigsten das Wort Gottes verkündet!«

Auch dies gestand ihm der Pförtner zu und führte ihn in den Garten, wo ein betagter Bruder gerade einer kleinen Pilgerschar die Obstbäume zeigte. »Ich möchte aber nicht unterbrechen«, gab der Prior vor, nachdem er sich vergewissert hatte, das auch dies nicht der Abt war, »Führt mich doch bitte zum scharfsinnigsten und ehrlichsten Mitglied eurer Gemeinschaft!«

Bald darauf stand er im Skriptorium vor einem Novizen, der dort die alten Schriften studierte. Mehr aus Höflichkeit richtete er ein paar Worte an ihn und verlangte dann mit wachsender Ungeduld: »Wenn ihr so gut sein wollt, zeigt mir doch bitte den unbestechlichsten und urteilssichersten Insassen dieses Klosters.« Doch als er darauf in den Keller geführt wurde, wo ein Küchenjunge gerade die Vorräte für den Winter einlagerte, wurde es dem Gast zu bunt, und er verlangte rundheraus, mit dem Abt zu sprechen.

Kaum hatte er den Gesuchten endlich vor sich, ließ er auch schon alle Zurückhaltung beiseite und wollte wissen: »Wenn du der berühmte Abt dieses Klosters bist, wie kann es dann sein, dass du weniger beharrlich bist als der Schmied, weniger eloquent als der Gärtner und sogar weniger aufrichtig als einer der Novizen und weniger gerecht als der Küchenjunge?«

»Das ist sehr einfach«, erklärte der Abt, »Der Bruder, der beharrlich wie kein Zweiter ist, versteht es nicht, nachgiebig zu sein. Unser bester Prediger ist keineswegs auch der, der am besten Schweigen kann. Der Aufrichtigste unserer Gemeinschaft ist keineswegs der Rücksichtsvollste. Und der, der gerechter als alle anderen ist, versteht es nicht so gut, barmherzig zu sein.«

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Eine Antwort zu Die Mönche von St. Salomé und der weise Abt

  1. Rebecca schreibt:

    Sehr schöne Geschichte und tolles Blog!

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