Einer für Hundert

»Glück« hieß das Thema beim Anlass-Gottesdienst, dem jährlichen liturgischen Start in die Motorrad-Saison. Glück ist für einen Biker freie Bahn und 200 PS zwischen den Knien, würde man vielleicht vermuten. Aber was die Frauen und Männer der Gruppe »Christ und Motorrad« selbst dazu sagen, klingt ganz anders. Gunhild fragt nach dem Unterschied zwischen Glück-Haben und Glücklich-Sein; und: Sind wir die Schmiede unseres eigenen Glücks, oder ist letztlich doch alles vorherbestimmt? Katrin ist froh, dass niemand dazu verdammt ist, dauernd glücklich zu sein und will lieber den vielen kleinen Glücksmomenten des Alltags den Vorzug geben vor dem Warten auf das ganz große Glück.

Meine Gedanken gehen weiter vom Glücklich-Sein zum Glücklich-Machen – anderen Glück bringen. Wer glücklich werden will, der sollte nicht heiraten, sagte mein alter Religionslehrer einmal und fügte hinzu: Wer glücklich machen will, der sollte heiraten. Genauso ist es mit ganz Vielem im christlichen Glauben. Wer zuallererst glücklich sein will, der sollte nicht Priester werden, der sollte auch kein Christ werden. Wer andere glücklich machen will, der wird in der Nachfolge Jesu Christi seinen Weg finden.

Jesus selbst war mit Sicherheit nicht immer glücklich; er weinte um Lazarus, beklagte die Hartherzigkeit seiner Zuhörer, schwitze Blut in Getsemani, starb am Kreuz. Das sollte man zumindest bedenken, wenn auch das Christentum heute gelegentlich als Wohlfühl-Religion verkauft wird, als Wellness für die Seele und spirituelle Globuli für die persönliche Harmonie. Jesus lebte ganz für die anderen, nicht weil das in jedem Moment Spaß macht, sondern weil es der Weg des wahren Lebens ist.

Würden alle Menschen aufhören, sich um sich selbst zu sorgen, und damit anfangen, andere glücklich zu machen, wären wir alle unterm Strich wesentlich besser dran. Denn ich kann mich selbst nie so glücklich machen, wie andere das können. So gesehen scheint der Weg Jesu Christi eigentlich nur logisch. Das Problem ist nur: Es machen nicht alle mit. Es wird absehbar kein größeres Netto-Glück für alle geben, weil die meisten doch wieder nur auf sich schauen. Das wusste auch Jesus, und trotzdem bleibt er dabei: Wer sein Leben festhält, der wird es verlieren. Wer es hingibt, der wird es retten.

Auf Motorradkutten findet man gelegentlich noch ein Patch mit der Aufschrift »1%«. Das kommt aus den USA Ende der 40er Jahre. Ein Sprecher der Motorradfahrer-Vereinigung sagt damals der Presse: Es mag ja sein, dass manche Biker gewalttätig und sogar kriminell sind, aber das sind doch höchstens ein Prozent! Davon fühlten sich einige wohl herausgefordert und sagten: Jawohl, ich gehöre zu den wahren ein Prozent, die auf nichts Rücksicht nehmen und sich von keinem was sagen lassen – und das zeige ich mit diesem Patch: Ich bin ein One-Percenter! Einer von Hundert, meinetwegen auch einer gegen Hundert, mir kann keiner was!

Als Christen sind wir auch manchmal wenige. Es kann sich anfühlen, als wäre ich nur einer unter Hundert. Ich glaube, Jesus fände das nicht schlimm. Er würde es nur anders übersetzen. Ein-Pro-Zent, das heißt für ihn nicht einer von Hundert, ganz sicher nicht einer gegen Hundert, sondern einer für Hundert. Einer, der stellvertretend für Hundert betet und hofft und noch ganz im Ernst an Nächstenliebe glaubt und das auch zeigt. Dieser eine zu sein, das kann Angst machen. Aber wenn die Auferstehung eines beweist, dann doch, dass dieser Weg gerade nicht in den Untergang führt, sondern zum Leben. Und so wenig der Auferstandene den Evangelien zufolge auch sagt, eines sagt er doch immer wieder: Fürchtet euch nicht!

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