Die Mönche von St. Salomé und die Fährleute

Im Besitz des Klosters von St. Salomé war auch eine Fährstation, wo Reisenden den Fluss mit einem kleinen Boot überqueren konnten. Dort taten zwei Fährleute ihre Arbeit, die oft anstrengend war, aber genug zum Leben einbrachte. Die meisten Leute nahmen ihre Dienste gern in Anspruch, kümmerten sich aber nicht weiter um Freude oder Kummer der Bootsführer.

Mit der Zeit wurde einer der beiden Fährmänner immer unleidlicher. Er war nicht mehr pünktlich am Anleger, brauchte ewig für eine Überfahrt und ließ das Boot in den Stromschnellen manchmal fast kentern. Einige Male kam er betrunken zu seiner Schicht, so dass die Leute Todesangst hatten, sich von ihm fahren zu lassen. Bei alledem beschimpfte er auch noch die Fahrgäste, knöpfte ihnen viel zu viel Geld ab und drohte ihnen mit der Ruderstange, wenn sie widersprachen. Manche Reisende suchten sich nun andere Strecken, die nicht über die Fährstation führten, andere schimpften über den liederlichen Grobian und über die Abtei, die nicht einmal eine Fähre richtig betreiben könne. Über den Fährmann, der einfach seine Arbeit tat, sprach niemand.

Endlich jagte der Abt den untragbaren Schiffer davon und stelle einen neuen ein. Dieser war das gerade Gegenteil des vorigen und versuchte, es allen recht zu machen, wo es nur ging. Dem einen erließ großzügig den Fahrpreis, dem anderen erlaubte er viel mehr Zuladung als eigentlich erlaubt war, einem dritten zu Gefallen änderte er die Anlegepunkte ganz nach seinem Wunsch. Zuverlässig war der Fährbetrieb nun nicht mehr, und auch das Geld für Reparaturen fehlte bald, so dass der fahrlässige Bootsführer sich eines Nachts heimlich davonmachte. Wieder hatten manche Reisende sich schon neue Strecken gesucht, andere stritten miteinander hin und her, ob der Mann seine Sache nicht doch gut gemacht hätte und völlig zu unrecht hatte gehen müssen. Über den Fährmann, der einfach seine Arbeit tat, sprach niemand.

Noch einmal wurde ein neuer Schiffer angeworben, doch dieser ging von Anfang an selbst streng ins Gericht mit dem Fährbetrieb. Die Boote seien zu alt und zu unhandlich, das Kloster müsste den Dienstplan ganz anders regeln, und überhaupt wäre es doch viel besser, eine Brücke bauen zu lassen. Bald setzte der neue Fährmann überhaupt niemanden mehr über den Fluss, sondern belehrte nur noch die Reisenden und stritt mit den Mönchen darüber, wie man die Boote umbauen sollte. Auch einige der letzten regelmäßigen Passagiere gingen nun lieber weite Umwege um die Fährstation herum, doch manche stimmten dem neuen Fährmann auch geflissentlich bei und lobten ihn, dass da endlich einer sei, der sich Gedanken mache und nicht dumm vor sich hin schufte. Über den Fährmann, der einfach seine Arbeit tat, sprach niemand.

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